Der geheime Geheimdienst von Scientology – siebenter Teil …

Paulette Cooper, American Medical Association, Internal Revenue Service …

Bis Mitte der 70er-Jahre schipperte L. Ron Hubbard und seine Sea Org durchs Mittelmeer, immer auf der Suche nach Häfen, wo man ankern konnte. Dies war gar nicht so leicht, da die Scientologen meist nur kurz willkommen und nach einiger Zeit gar nicht mehr erwünscht waren. Scientology hatte sich in diesen Jahren im Ansatz bereits zu dem entwickelt, was es heute noch darstellt: ein paramilitärischer Geheimdienst mit eigener Sekte. Dementsprechend begannen Hubbard und seine Frau Mary Sue eine Operation nach der anderen zu verfassen, da sich die Zahl ihrer „Feinde“ fast stündlich erhöhte. Das Land-Hauptquartier des Guardian Office war zu dieser Zeit in East Grinstead, England, angesiedelt – Hubbards altem Landsitz.
Ein „Feind“ neuer Größenordnung wurde 1971 sichtbar: Paulette Cooper. Die junge Journalistin war schon Ende der 60er-Jahre auf die Scientology-Sekte aufmerksam geworden – und umgekehrt -, schrieb einen Artikel im englischen Magazin „Queen“ (heute: Harpers Bazaar) und veröffentlichte 1971 ihr Buch „The Scandal of Scientology“ – das komplette Buch (auf Englisch) finden sie hier
1968 verklagte Scientology Queen und Cooper, 1971 “reagierte” das Guardian Office mit der Operation Freakout.

Paulette Cooper ...

Ich kann nicht sagen, ob Freakout die erste Operation war, die das Guardian Office durchgeführt hat, sie ist auf jeden Fall eine der am besten dokumentierten. Nachvollziehbar wurde sie durch die Razzia, die das FBI 1977 durchgeführt hatte und während der insgesamt 48.000 Dokumente beschlagnahmt wurden.
Dabei begann das Ganze noch relativ harmlos – wenn man das im Bezug auf Scientology überhaupt sagen kann: Scientology verklagte Cooper 1971 auf 300.000 Dollar wegen Verleumdung, Diffamierung usw.
Im Februar 1972 forderte Jane Kember, die unter Mary Sue Hubbard dem operativen „Wirken“ des Guardian Office vorstand, einen Mitarbeiter des Bureau 1 in den USA auf, sämtliche Information über Cooper einzuholen, damit diese „gehandhabt“ werden könne. Terry Milner, der zuständige US-Guardian, forderte daraufhin seine Untergebenen auf, „sie auf jede Art und Weise zu attackieren“ und vor allem eine „breitangelegte Untersuchung ihres Sexlebens” durchzuführen.
Cooper verklagte im nächsten Schritt ihrerseits Scientology – und rückte damit in die Position des Staatsfeindes Nr. 1 von Scientology. Fortan beließ es das Guardian Office nicht mehr dabei, sie zu verklagen, ihr nachzustellen usw. – ab sofort wurde aus allen Rohren geschossen.
Ihr Name und ihre Telefonnummer wurden auf Straßenwände gemalt, damit sie derart obszöne Anrufe „erhalten“ konnte, sie wurde auf die Mailingliste von pornographischen Magazinen gesetzt, sie erhielt Todesdrohungen und ihre Nachbarn wurden darüber „informiert“, dass sie an einer ansteckenden Geschlechtskrankheit litt.

Guardian Office-Dokument "Operation Lovely", fingierte Bombendrohung ...

Die nächste „Operationen“ sollten folgendermaßen aussehen: Eine Frau, deren Stimme ähnlich der Coopers war, sollte telefonische Drohungen gegen arabische Botschaften richten, in weiterer Folge sollte ein Drohbrief folgen – Cooper war jüdischen Glaubens. Darüber hinaus sollte eine Person, die sich als Cooper ausgab, den damaligen US-Präsidenten Gerald Ford und den Außenminister Henry Kissinger bedrohen. In weiterer Folge sollten die arabischen Botschaften vor den Bombenbedrohungen durch Cooper gewarnt werden.
Die komplette Operation Freakout wurde zwar nie durchgeführt, “lediglich” das Umfeld Coopers wurde „bearbeitet“ und eine Bombendrohung fingiert: auf einem Briefpapier mit Coopers Fingerabdrücken, die Cooper eine Anklage einbrachte.
Wie Scientology bzw. das Guardian Office zu den Fingerabdrücken kam?
Im Dezember 1972 entwendete eine Frau, die vorgab, für die United Farm Worker zu sammeln, Briefpapier aus Coopers Appartement – mit deren Fingerabdrücken drauf.
Bei den 1977 vom FBI sichergestellten Guardian Office-Unterlagen wurde auch die Operation Lovely, eine Unter-Operation von Freakout, sichergestellt, die folgendes vorsah: Zwei Guardian Office-Agenten sollten zufällig Paulette Cooper treffen, mit ihr trinken und danach trachteten, ihre Fingerabdrücke auf einem Glas oder anderen Gegenstand zu bekommen.
Das Magazin Reader‘s Digest schrieb dazu im Mai 1980, dass Scientology „mit einer bis ins letzte ausgetüftelten Kampagne aus Prozessen, Diebstahl, Rufmord und falschen Beschuldigungen“ agiert hatte. „Die Autorin bekam Morddrohungen. Das Ziel der Kampagne war nach später aufgefundenen Unterlagen der Sekte, Paulette Cooper ‚in ein Irrenhaus oder ins Gefängnis zu bringen.‘ Das wäre fast gelungen. … Am schlimmsten war, sagte Paulette Cooper, dass ein Agent der Scientology Briefpapier von ihr stahl und damit Bombendrohungen fälschte, die man ihr unterschob. Sie wurde von einem Bundesgericht angeklagt. Zwei Jahre lang machte sie die Hölle durch, bis das Verfahren schließlich eingestellt wurde.“
Dabei befand sich Paulette Cooper in bester Gesellschaft – man verzeihe mir den sarkastischen Unterton.
In der Operation Cut Troat wurde das Better Business Bureau, eine Art Wirtschaftskammer in den USA, infiltriert, in der Operation Devil’s Wop wurde gegen Senator Dennis DeConcini vorgegangen, der ein deklarierter Unterstützer der Anti-Sektenbewegung war – ihm sollte unterschoben werden, dass er Kontakte zum Organisierten Verbrechen in den USA hatte und in fragwürdige Immobiliendeals verwickelt war.
Die Liste ist noch länger: Operation Fickle richtete sich gegen die Zeitung St. Petersburg Times, Operation Funny Bone betraf den Cartonnisten Jim Berry, Operation Italien Fog den Bürgermeister von Clearwater, Gabriel Cazares. Um den Hintergrund zu verstehen: Zeitungen, die gegen Scientology schreiben, und Cartoonisten, die sich über Scientology lustig machen, sind klare „Scientology-Ziele“ – Cazares kam in den Genuss der scientologischen “Behandlung“, als Hubbard und seine Crew Ende 1975 „an Land ging“ und dies in Clearwater, Florida geschah. Unter dem Decknamen United Churches wurden Gebäude angekauft, Hubbard blieb versteckt und Bürgermeister Cazares rückte ins Fadenkreuz des Guardian Office, nachdem er sich nicht hocherfreut über den Besuch der Sekte und die Schaffung ihres neuen Hauptquartieres zeigte.
Während es bei Italian Fog noch darum ging, aus Cazares einen Bigamisten zu machen, sollte Operation Keeler die angestrebte US-Kongresskarriere von ihm verhindern. Ein Verkehrsunfall sollte arrangiert werden: die Guardian-Mitarbeiterin Sharon Thomas machte sich an Cazares heran, der anlässlich einer Bürgermeistertagung in Washington weilte, fuhr dann mit ihm mit, um auf einer abgelegenen Straße einen „Unfall“ mit einem anderen Guardian-Agenten „zu haben“ – Michael Meisner. Danach kontaktierte man Presse und politische Mitbewerber darüber und Cazares verlor die anschließende Wahl. 1979 verklagte Cazares Scientology für deren Vorgehen, 1986 wurde der Gerichtsfall – wie so oft bei Scientology – aufgrund außergerichtlicher Einigung eingestellt.
Operation Kettle und Operation Sore Throat richteten sich gegen die American Medical Association, Operation Orange Juice gegen den Kongressabgeordneten Frank Williams, Operation Snapper gegen den Generalstaatsanwalt Lawrence Trapper – es ging immer um das Gleiche: Infiltration, Manipulation, Diskreditierung von allem und jedem, der sich gegen Scientology in irgendeiner Form wandte.

Mary Sue Hubbard, Guardian Office-Order "Vorrangige Funktion" ...

Mary Sue Hubbard war dabei der Mastermind der ganzen Aktionen, die in einer sogenannten Guardian Oder 1974 die vorrangige Funktion des Guardian Office beschrieb: „Jeden Widerstand entsprechend zu beseitigen, um derart ein Vakuum zu schaffen, in das Scientology expandieren konnte“.
Die am größten angelegte Operation war dabei Snow White, wo es nicht mehr nur gegen „feindliche“ Bürgermeister, Journalisten, Ärzte oder Kongressabgeordnete ging, sondern gleich gegen jede Menge Staaten und deren Institutionen. Allein in den USA sollten letztendlich über 100 Regierungsstellen davon betroffen sein – u.a. das Internal Revenue Service, das in den 90er-Jahren noch eine besondere Rolle spielen sollte.
Für Hubbard war der Stellenwert von Operation Snow White klar: „Das Programm Snow White hat die höchste Priorität aller Guardian Office-Aktivitäten!“ – mehr dazu im nächsten Blog.
Und was machte Sektenboss Hubbard ansonsten noch? Er lebte seit Ende 1975 inkognito – zuerst in der Nähe von Clearwater, Florida, zwischenzeitlich in New York, wo er sich als anonymer Fotograf gefiel und dann in Kalifornien, wo Scientology ebenfalls begann, Gebäude und Ländereien aufzukaufen. Neben offiziellen Gebäuden wurde auch geheime Quartiere gekauft – eines davon war die sogenannte GOLD Base in der Nähe von Los Angeles, wo Hubbard bis Ende der 70er-Jahre viel Zeit damit verbrachte, Filme aller Art zu drehen – bei dieser Gelegenheit lernte es David Miscavige kennen, dessen Mentor er wurde.

Hubbard als anonymer Fotograf, Hubbard mit David Miscavige ...

Fotos: Paulette Cooper, Chicago Architectur, Money.Howstuffworks, Scientologypublikationen (3), Lermanet