Ich habe über das WAS geschrieben, habe das WIE beschrieben – nur: WARUM agiert Scientology bzw. das Büro für spezielle Angelegenheiten / OSA so wie es agiert?
Oder anders gefragt: ist es eine maßlose Übertreibung, Scientology mit dem Nazi-Regime zu vergleichen? Ähneln sich die beiden Fotos – einmal David Miscavige mit seiner „Armee“ und einmal Heinrich Himmler samt SS-Schergen – in ihrer Machart nur zufällig?
Ich beschäftige mich jetzt seit 2004 – begründet in meiner eigenen Biographie – mit dem Thema Scientology, schrieb Bücher darüber, hielt Vorträge, blogge jetzt schon seit einiger Zeit darüber und langsam wird das endgültige Puzzlebild sichtbar. Das Büro für spezielle Angelegenheiten liefert dazu die entscheidenden Hinweise.
Scientology versucht sich freundlich und nett zu präsentieren, gibt vor, eine Kirche zu sein. Viele Scientologen sind auch durchaus angenehme, freundliche Menschen – doch hinter dieser Fassade verbirgt sich eine Antwort auf die Frage nach dem WARUM.
Warum Scientology seine Gegner so erbarmungslos verfolgt, warum sie einen eigenen Geheimdienst hat usw., die Antwort liegt u.a. in einem Richtlinienbrief (Policy Letter), den L. Ron Hubbard am 18. Oktober 1967 verfasst hat und der den Titel Strafen, wenn man sich in niederen Zuständen befindet trägt. Keine andere Schrift Hubbards hatte – bereits 1967 – eine größere „Resonanz“ in der Öffentlichkeit ausgelöst, als diese Schrift, die später als Freiwildgesetz (Fair Game) bekannt wurde. Dabei orientierte er sich an den „Zustandsformeln“ von Scientology, deren niedere Zustände damals Belastung, Verrat, Zweifel und Feind umfassten – im Detail schrieb er dazu folgendes:
„Belastung: Bekommt keine Bezahlung, muss ein schmutzgraues Tuch am linken Arm tragen und darf sich Tag und Nacht nur in den Gebäuden der Organisation aufhalten.
Verrat: Keine Bezahlung und Entzug aller Uniformen und Insignien; muss ein schwarzes Zeichen auf der linken Wange tragen und darf sich nur in den Gebäuden der Organisation bewegen oder wird vom Posten und von den Geschäftsräumen entfernt.
Zweifel: Wird von den Geschäftsräumen entfernt. Darf nicht beschäftigt werden. … Darf nicht trainiert und auditiert werden. Mit ihm darf nicht kommuniziert oder argumentiert werden.
Feind: Regel für Unterdrückerische Personen anwenden. Freiwild. Darf seines Eigentums beraubt oder (in jeder Weise durch jeden Scientologen) verletzt werden, ohne dass dies disziplinarische Folgen für den Scientologen hat. Darf hereingelegt, verklagt, belogen oder zerstört werden.“

Englisches Original der Schrift "Strafen, wenn man sich in niederen Zuständen befindet", ugs. "Fair-Game-Policy" ...
Unabhängig einer Bewertung dieser “Vorschriften”, war es vor allem der letzte Absatz, der zum angesprochenen Aufschrei in der Öffentlichkeit führte und Hubbard ein Jahr darauf veranlasste, seine Zeilen etwas abzuschwächen – er schrieb: „Die Praxis, Personen zu Freiwild zu erklären, wird eingestellt. Das Wort Freiwild darf nicht mehr auf einer Ethikorder aufscheinen. Es verursacht eine schlechte öffentliche Meinung.“
Öffentlich distanzierte sich Hubbard bzw. Scientology zwar davon, intern und in vielen geheimen Dokumenten änderte sich gar nichts. Und dementsprechend sahen die nächsten Jahre aus – bis heute gilt der Absatz Hubbards, wenn es dem Büro für spezielle Angelegenheiten darum geht, gegen einen „Feind“ vorzugehen: „Freiwild. Darf seines Eigentums beraubt oder verletzt werden, ohne dass dies disziplinarische Folgen für den Scientologen hat. Darf hereingelegt, verklagt, belogen oder zerstört werden.“
In den Jahren danach waren es u.a. Paulette Cooper, verschiedenste Behörden, ab den 80er-Jahren „Abtrünnige“, verschiedene Richter, das Internal Revenue Service, in den 90er-Jahren z.B. Ursula Caberta, Norbert Blüm und heute Marty Rathbun oder die französische Justiz.
Was geschah bei der französischen Justiz? Wenige Monate bevor das Gericht urteilte, wurde ein Gesetz abgeschafft, das vorsah, dass eine Sekte im Fall einer Verurteilung aufgelöst wird. Scientology wurde danach verurteilt und das Gesetz danach auch wieder „repariert“ – nur es galt nicht rückwirkend und so hatte der Schuldspruch wegen bandenmäßigen Betrugs keine Auswirkung. Niemand kann sich bis heute wirklich erklären, wie es zu dieser Gesetzesaufhebung kam – nur der Nutznießer steht fest: Scientology.

Sektenführer David Miscavige, „Deutschlandsprecher“ und Angehörige des „Büro für spezielle Angelegenheiten“ Jürg Stettler (auch Schweiz) und Sabine Weber ...
Es gibt eine Fülle von Fakten und Belegen, unzählige Aussagen Betroffener – und doch findet sich nur sehr schwer jemand, der von offizieller Seite gegen Scientology vorgeht. Ich weiß, dass dies auch nicht einfach ist – Scientology hat mittlerweile einen Ruf hinsichtlich der „Behandlung“ ihrer etwaigen Opponenten. Und der leitet sich von den Vorgaben Hubbards ab, auch wenn das Wort Freiwild nicht mehr verwendet wird, er „darf hereingelegt, verklagt, belogen oder zerstört werden“.
Womit wir wieder beim WIE und beim WAS wären. Wenn man Jürg Stettler, Sabine Weber oder einem anderen OSA-Mitglied gegenübersteht, steht man eigentlich indirekt David Miscavige und seiner paramilitärischen Sea Org gegenüber. Stettler und Weber können nicht so wie sie wollen – sie sind reine Befehlsempfänger, die alles „nach oben“ vermelden müssen und die bei einem nicht regelkonformen Verhalten entweder nach Kopenhagen (Europazentrale von OSA) oder nach Los Angeles (Weltzentrale von OSA) zitiert – und „korrigiert“ – werden.
Dem „Fußvolk“ von Scientology wird derweil suggeriert, dass es gilt, die sogenannten Unterdrückerischen Personen in ihrer Umwelt auszumachen – und zu zerschmettern. Hubbard gab diesbezüglich klare Vorgaben: 20% der Weltbevölkerung gehörten dazu – Hubbard bezeichnete sie als „Cowboys mit schwarzen Hüten“ -, wobei 2,5% von ihnen der bösartigsten Form anhängen würden.
Kleines Rechenbeispiel: Bei 7 Milliarden Menschen würden laut Scientology 1,4 Milliarden latent und von denen wiederum 35 Millionen Menschen absolut nach nichts anderes trachten, als gegen Scientology vorzugehen – und gehören dementsprechend „zerschmettert“.
Daraus ergibt sich in der Scientology-Logik, dass die 80% Guten in einem “potentiellen PTS-Zustand” sind, wenn sie in Berührung mit den 20 bzw. 2,5% Unterdrückerischen Personen – kurz: SP – sind. Der Kurs dazu heißt dementsprechend PTS/SP-Kurs und stellt einen Schlüsselkurs in Scientology dar, den jeder gemacht haben muss.
Anders ausgedrückt: die rund 100.000 Scientologen weltweit sind mehr oder weniger die ganze Zeit auf „SP-Jagd“ …
Fazit: Papier ist geduldig. Man kann etwas schreiben und es dann wiederrufen. Handlungen sind Handlungen. Wiederholtes Handeln weist auf eine „Charakteristik“ hin und ich überlasse Paul G. Breckenridge, Richter am Los Angeles Superior Court, das letzte Wort dazu: „Die Organisation ist eindeutig schizophren und paranoid, und diese bizarre Kombination scheint ein Spiegelbild ihres Gründers zu sein. Die Beweise stellen einen Mann dar, der bezüglich seiner Geschichte, seines Hintergrundes und seiner Leistungen im Grunde ein pathologischer Lügner war. Die als Beweis vorliegenden Schriften und Dokumente zeigen zudem seinen Egoismus, seine Gier, seinen Geiz, seine Machtstreben, sowie seine Rachsucht und Aggressivität gegenüber Personen, die von ihm als treulos oder feindlich gesinnt wahrgenommen werden.“
Und wie sieht es jetzt hinsichtlich des Vergleichs „Scientology-Nazis“ aus?
Von der Durchführung ist Scientology noch ein schönes Stück entfernt, die Diktion, Intention und „Anmutung“ ist die gleiche!
Fotos: Scientologypublikationen (4), ZDF, Forum-Why-we-protest
