Bei der Vorbereitung meines heutigen Vortrags habe ich mich u.a. mit folgender Fragestellung, die bei jedem meiner Vorträge gegeben ist, auseinandergesetzt: “Wie ist es möglich, dass ein halbwegs intelligenter Mensch 28 Jahre lang bei den Scientologen sein kann und ihm dabei nicht auffällt, was für eine ‘Haufen’ das ist?”
Die Frage wird zwar nur ganz selten direkt gestellt – wahrscheinlich, um mich nicht zu beleidigen
-, aber sie schwebt unausgesprochen im Raum.
Dabei ist die Beantwortung dieser Frage ist nicht ganz einfach. Es gibt eine Menge an Ansatzpunkten, die größtenteils subjektiver Natur sind und zumeist mit der individuellen Biografie des Einzelnen zu tun haben – sozusagen dessen Präposition, dessen „Anfälligkeit“ im Hinblick auf die eine oder andere Sekte.
Aber darauf möchte ich jetzt nicht weiter eingehen, sondern auf einen anderen Aspekt, der nicht unwesentlich ist, wenn es darum geht, dass jemand jahrelang in einem falschen System lebt – ohne dass es ihm auffällt.
Wenn man so will, erzähle ich jetzt dazu eine kleine Geschichte aus meinem Leben und ziehe einen für mich gültigen Schluss daraus.
Jeder von Ihnen kennt den Dalai Lama, um genau zu sein: seine vierzehnte Inkarnation, Tenzin Gyatso. In Umfragen wird ihm immer wieder bescheinigt, dass er die spirituellste Persönlichkeit der Gegenwart ist – zumindest im deutschsprachigen Raum. Ich habe zwar keinen „Free Tibet“-Aufkleber am Auto – ich habe keines -, war aber u.a. schon vor der chinesischen Botschaft demonstrieren und hab mir begeistert sowohl den Scorcese-Film Kundun, als auch 7 Jahre in Tibet mit Brad Pitt angesehen und sah mich durchaus als einer, für den der Dalai Lama eine Leitfigur darstellt.
Der Dalai Lama stand für mich seit längerem mehr oder weniger außer Frage – kleine „Nebendetails“, wie dessen Freundschaft mit dem Nazi Heinrich Harrer konnten mich nicht irritieren. „Tibet den Tibetern“ war aus meiner Sicht eine legitime Forderung an China, das dieses spirituelle Volk gnadenlos unterdrückt und dessen geistige Führung ins Exil zwang.
Und dann gab es da einen Vortrag von Colin Goldner an der Wiener Uni, der mein Bild, das sich jahrelang gehalten hatte, empfindlich „störte“. Er beschrieb einen Gottkaiser, der seine rd. 3 Millionen Untertanen u.a. mithilfe der Auslegung des Karmas („Folgst du den Lamas, ist es gut, begehrst du auf, geht’s dir dreckig im nächsten Leben!“) noch Mitte des 20. Jahrhunderts in einer mittelalterlichen Theokratie gefangen hielt, wo es nur den Adel und Priester auf der einen Seite und Leibeigene auf der anderen Seite gab, deren durchschnittliche Lebenserwartung 35 Jahre betrug.
Kleiner Gag am Rande: Die Lehre des Gelbhaubenordens (Gelug-Schule), deren Chef der Dalai Lama ist, stellt Missliebigen alle möglichen negativen Inkarnationen für das nächste Leben „in Aussicht“ – begonnen bei irgendwelchen Tieren können sie sozusagen als Höchststrafe als Frau wiedergeboren werden.
Langer Rede, kurzer Sinn: Hier der Vortrag – wenn Sie Lust auf eine andere Sicht der Dinge haben, sollten Sie ihn sich ansehen …
Für mich war der Sympathieträger Dalai Lama danach von seinem Podest gestürzt – auf das ich ihn gestellt hatte!
Der Dalai Lama hat nichts verkehrt gemacht – er ist so wie er ist und glaubt das natürlich auch. Ihm gehen zweifellos seine Leibeigenen ab, die nicht für ihn malochen usw.
Mich interessierte nach diesem Vortrag vielmehr mein „Standpunkt“ – dass ich so ohne weiteres seine Geschichte übernommen hatte und im weitesten Sinne des Wortes zum Leibeigenen des Dalai Lamas mutierte?
Und: Kann man nicht merken, dass man manipuliert wird?
Ich kenne jede Menge an Beispielen, wo diese Manipulationsmechanismen aufgezeigt werden – u.a. das Milgram-Experiment, das Stanford-Prison-Experiment und Die Welle (The Third Wave). Und ich habe in den letzten Jahren eine ganze Menge an einschlägiger Literatur gelesen.
Hat mich dieses Wissen davor bewahrt, etwas „falsch“ zu sehen?
Nein.
Keine Angst, ich wechsle jetzt nicht unhinterfragt ins Lager von Colin Goldner über – das wäre reines Schwarz-Weiß-Denken. Ganz im Gegenteil hat mich Goldner wieder daran erinnert, dass einer der wesentlichsten Aspekte des Lebens darin besteht, die Dinge zu hinterfragen.
Alle – ohne Ausnahme.
Und der nächste Schritt – sofern man eine eigene Meinung dazu vertreten möchte -, besteht darin, die Fakten zu suchen, sie auszuwerten und dann vielleicht auch nur sagen zu können, dass die und die Dinge dafür sprechen, dieses für jenes und das wiederum dafür. Fazit: nicht ganz klar, nur drei Möglichkeiten.
Gar nicht so leicht auszuhalten, dann vielleicht keine eindeutige Position einnehmen zu können …
Beim Dalai Lama, aber auch bei allen anderen dogmatischen Dingen im Leben, geht es um Autorität samt den damit verbundenen Dogmen. Und wenn dann auch noch Religion im weitesten Sinne des Wortes dabei ist, kommt noch ein ziemlich großer Schuss Voodoo-Hexen-Zauber dazu.
Was bei den Scientologen die Xenu-Körperthetan-Story ist, ist beim Dalai Lama u.a. dessen Karmaangebot samt einer Unzahl von Höllen, wenn man nicht pariert.
Beide „verkaufen“ den ultimativen „Ablass“ und geben kraft ihrer jeweiligen Autorität die Richtung vor – Autorität, die sie oft erst von jemandem anderen „verliehen“ bekamen, der sich seinerseits etwas versprach. Gilt übrigens auch für alle anderen Sekten und Religionen.
Und dann waren plötzlich 28 Jahre bei Scientology um. Den Dalai Lama hatte ich auch schon 20 Jahre auf meiner „Karte“.
Und die Moral von der Geschicht‘?
Besser einmal zu viel (hinter)fragen, als einmal zu wenig – ich werde jetzt auf jeden Fall alle verfügbaren Fakten und Daten zum Dalai Lama zusammentragen, um mir danach vielleicht ein Bild machen zu können, das der Wirklichkeit entspricht!
Und noch ein kleiner “Gag” zum Schluss: Die Scientologen, vor allem durch ihre Volunteer Minister („Ehrenamtliche Geistliche“), sind schon knapp dran am Dalai Lama – Dokumente folgen …
Foto: Wikipedia









