Aktuell: Sieben Wochen Scientology-Selbstversuch in Hamburg …

Scientology-Organisation in Hamburg …

Frank Busch aus der Scientology-Organisation Hamburg und seine OSA-Kumpane wird es zweifellos freuen, wenn sie den Bericht von Juliane Goetzke über ihren siebenwöchigen Selbstversuch bei und mit Scientology lesen.

Wie gefährlich ist Scientology? Wie funktioniert die Organisation und wie gewinnt sie ihre Mitglieder? Juliane Goetzke wollte für das Magazin TONIC den Mythos Scientology brechen, trat der “Kirche” bei und erlebte die Manipulation am eigenen Leib.

Was Juliane dabei sehr bald feststellte: Scientologen haben einen eigenen Blick!

Hier der sechsteilige Erfahrungsbericht:

Teil 1: Stechend, konzentriert, direkt in die Augen

Offener Raum, freundliche Begrüßung. Ich soll warten, bis jemand zu mir kommt. Nun sitze ich auf einer bequemen Ledercouch, gegenüber zwei Männer, einer mit Hemd und Schlips, Papier und Stift in der Hand. Er redet von Dynamiken, malt Kreise auf’s Papier: Familie sei eine Dynamik, die Dynamiken müssen im Gleichgewicht sein. Bei ihm zum Beispiel, da waren sie es nicht, denn seine Frau wollte nicht, dass er zu Scientology geht. Das war nicht gut, daran hat er dann gearbeitet, er musste sich entscheiden, damit die Dynamiken wieder übereinstimmen. Seine Frau war auf der falschen Seite.

Ein älterer Mann kommt auf mich zu, weiße Haare, breites Lächeln, kräftiger Händedruck. Wir gehen in eine etwas weniger belebte Ecke des Empfangsraumes, auch er hat Papier und Stift dabei. Er fragt, wie ich heiße, ich erfinde einen Namen, er schaut mir fest in die Augen und beginnt zu reden. Er spricht von Kommunikationstraining und Auditing – zwei Worte, die ich hier noch häufig hören werde. Seit dreißig Jahren sei er schon bei Scientology, er zeigt in eine andere Ecke, in der drei Frauen Teller, Servietten und Töpfe zurechtrücken. Die mit den blonden Harren, Judith, sei seine Frau. Sie habe Maultaschen gemacht. Ich sei herzlich eingeladen. Kostenpunkt: drei Euro. Ich nicke, Essen klingt gut und unverfänglich.

Er wolle mir nun ein bisschen was erklären – und malt einen Menschen auf das Papier, das sei ich. Es gebe meinen Körper und meinen Geist, der heißt Thetan, wir könnten es auch Seele nennen. Dieser bestehe aus zwei Teilen: einem analytischen und einem reaktiven Teil, dem Bewusstsein und dem Unterbewusstsein. Alle negativen Gefühle entsprängen nur dem reaktiven Teil, dem Unterbewusstsein. Dort speichere ich schlechte Erfahrungen, so ähnlich wie Traumata. In entscheidenden Situationen handle ich dann aufgrund dieser abgespeicherten Erfahrungen irrational, also nicht sinnvoll. “Das ist ja schlecht, nicht?”

Hier bei ihnen werde ich lernen, dieses Problem zu lösen. Wie, frage ich, und schaue wohl ein bisschen zu kritisch drein. Der Mann tippt wieder auf den Zettel, der zwischen uns liegt, und seine zu blauen Augen schauen mich stechend an. “Mit Dianetik”, sagt er und steht auf, um ein Buch holen. In dieser Zeit schaue ich mich etwas um: An der Wand hängt ein Plakat mit dem großen Titel “Die Brücke zur völligen Freiheit”, davor steht ein Tisch mit Büchern in altmodischem Design: “Eine glückliche Ehe führen”, “Eine erfolgreiche Erziehung”, “Erfolg im Leben”, “Eine glückliche Familie”.

Er kommt wieder, mit einem dicken Buch, dessen Cover einen Sciencefiction-Roman vermuten lässt: gelb-orange Lava, der dunkelblau schimmernde Aufdruck “DIANETIK” prangt darauf. “Es ist ein hochwissenschaftliches Buch, nicht immer leicht zu verstehen”, aber sie seien ja da, wenn ich Fragen hätte. Kostenpunkt: 45 Euro. Ronald Hubbard, der Gründer von Scientology, habe es selbst geschrieben. In diesem Buch will er erklären, wie man seinen reaktiven Verstand auslöschen und sich damit grundlegend von allen Ängsten und Schmerzen befreien zu kann. Ich lehne vorerst ab.

Eine blonde, elegant gekleidete Frau kommt zu uns und legt einen rosa Zettel auf den Tisch. Ein Persönlichkeitstest, den ich gerne machen könne. Ich stand schon immer auf Psychotests, also los. So einfach ist das aber nicht. Wir gehen in einen abgetrennten Raum, vorbei an Regalen, die voll sind mit dunkelbunten Büchern und CDs wie “Personal effektiv organisieren” oder “Der Sinn des Lebens”. Das hier sei die Bibliothek, hier könne ich studieren, jederzeit. Was ich denn in meinem Leben machen würde. Achso, Sozialwissenschaften, ja, das würde ja ganz wunderbar zu ihnen dazu passen, es gehe ja um den Menschen. Ja klar, der Mensch. Ich nicke.

Wir nehmen Platz auf zwei Ledersesseln, gemütlich sind sie. Ich möchte den Stift greifen und Kreuze auf diesem rosa Zettel machen. Darf ich aber nicht – Denn zunächst erfahre ich eine Stunde lang, wie toll hier alles ist. Und wie sehr sie sich freuen, dass ich da bin. Und vor allem, wie Scientology das Leben dieser näher betrachtet schlecht geschminkten Frau, Rita, Öffentlichkeitsreferentin sei sie, verbessert hat. Sie sei lange krank gewesen, keiner habe zu ihr gestanden, sie habe Freunde und Familie verloren. Die Welt da draußen sei böse, alles Teil der Abwärtsspirale, nur Drogen und Missbrauch, vor allem diese Psychopharmaka. Aber Scientology habe sie stark gemacht. Auch ich könne stark werden, mich befreien, dafür gäbe es Kurse. Nun aber bitte erstmal den Test machen, Dauer: zwei Stunden.

Ich sitze also da und kreuze munter an. Fühle ich mich manchmal unverstanden? Unterdrückt von meiner Umgebung? Kann ich mich immer durchsetzten? Bin ich manchmal traurig? Nein, ja, vielleicht, dann Verwirrung: doppelte Verneinungen schon in der Fragestellung. Beunruhigend viele Punkte drehen sich um Geld und Schulden. Kreuze, Kreuze, Kreuze, Ende.

Ich gehe zur Rezeption und melde, dass ich fertig bin. Während ich warte, kommen zwei interessierte Passanten durch die große Flügeltür. Sofort steht ihnen jemand zur Seite, möchte Fragen beantworten und Bücher verkaufen. Die beiden finden das sehr amüsant, wollten mal reinschauen und verschwinden kichernd wieder.

Die blonde Frau, deren Namen ich mittlerweile vergessen habe, eilt herbei und weiß meinen Namen noch ganz genau. Ich fühle mich in der Mangel, darf den rosa Zettel abgeben und auch gleich meine Adresse und Handynummer notieren. In zwei Tagen sei die Auswertung fertig, dann soll ich kommen und wir besprechen meine Probleme.

Direkt in die Augen schaut sie mir dabei, als wisse sie schon. Ihr Blick lässt mich nicht mehr los; So werde ich hier noch häufiger angesehen werden. Stechend, konzentriert, immer direkt in die Augen ihres Gegenübers. Das verunsichert, man hört zu und unterbricht nicht.

Dieser Blick ist Teil des Trainings zu erfolgreicher Kommunikation. Selbst im Alltag drehte ich am Rad, wenn mir jemand mit einem ähnlichen Blick begegnete. Dauernd meinte ich, jemanden aus der Kirche in der Stadt zu sehen. Ich habe kaum jemandem von meinem Projekt erzählt, weil ich plötzlich überall Scientologen wähnte.

Für mein nächstes Kommen vereinbaren wir einen Termin, Dienstag 14 Uhr, sie verlasse sich auf mich, ich solle pünktlich sein. Ich verlasse das Gebäude und habe Angst, dass mich jemand sieht, der mich kennt. Meine Schultern fallen nach unten, ich entspanne mich. Keine Ahnung, was ich erwartet hatte, aber die erste Bewährungsprobe habe ich wohl bestanden.

Die weiteren Teile:

Teil 2 – „Es geht hier um deine Probleme”

Teil 3 – Scientology bringt mich “auf Kurs”

Teil 4 – Distanz bewahren? Pustekuchen.

Teil 5 – Verhör, Beichte, Therapie

Teil 6 – Der Gottesdienst

Fotos: Magazin Tonic (3)

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