
Paul Haggis ...
Anfang des Jahres sorgte der Ausstieg von Paul Haggis aus Scientology für Aufregung und dass, obwohl die Mitgliedschaft von Haggis bei Scientology gar nicht so bekannt war und Haggis kein Super-Star a la Cruise oder Travolta ist. Aber Haggis war und ist in Hollywood eine anerkannte Größe. Paul Haggis hat nicht nur 2 Oscars (für L.A. Crash) zu Hause stehen, er schrieb u.a. auch die Drehbücher für Million Dollar Baby und Letters von Iwo Jima von Clint Eastwood.
Mit dem NEW YORKER und Lawrence Wright sprach Haggis ausführlich über die verschiedenen „Aspekte“ von Scientology – hier der Link zum Artikel – und erzählte dabei auch die eine oder andere Anekdote: Als Paul Haggis gemeinsam mit Clint Eastwood vor einigen Jahren die Dreharbeiten von Steven Spielbergs Krieg der Welten besuchte, hatte Hauptdarsteller Tom Cruise am Drehort ein Zelt errichten lassen, in dem Scientology Missionsarbeit betreiben konnte. Spielberg machte eine Bemerkung, dass er die meisten Scientologen sehr nett fände, worauf Paul Haggis witzelte, “die Bösen verstecken wir im Schrank”. Das kam Tom Cruise zu Ohren, einer der Schlüsselfiguren der kalifornischen Science-Fiction-Sekte. Worauf Haggis vor einem Untersuchungsausschuss der Kirche landete und „Abbitte“ leisten musste.

Der unmittelbare Grund seines Ausstieges war, dass Scientologen während der Wahlen von 2008 öffentlich den schwulenfeindlichen Gesetzesentwurf “Proposition 8″ unterstützt hatten, der in Kalifornien die Legalisierung der Schwulenehe revidieren sollte – die beiden Töchter von Haggis sind homosexuell.
Ich möchte mich im Folgenden auf diesen Aspekt konzentrieren, da das Thema „Homosexualität“ einerseits gegeben ist und andererseits die meisten Stars ein Outing tunlichst vermeiden möchten und lieber mit der Lüge leben – und ich möchte mich mit der Tragweite dessen innerhalb von Scientology auseinandersetzen.
Bei aller Liberalität ist in den USA der unverkrampfte Umgang mit Homosexualität noch immer nicht gegeben – sie wird mit relativ wenigen Ausnahmen maximal geduldet, solange sich der Betreffende an die „Spielregeln“ hält. Und eine dieser Spielregeln in Hollywood besagt spätestens seit Rock Hudson, dass ein Macho-, Helden- oder sonstiger Männlichkeitsdarsteller schlecht schwul sein kann, wenn er diese Rolle „ausfüllen“ möchte. Cruise und Travolta sind in ihren Filmen genau das – gleichzeitig verfolgen beide einschlägige Gerüchte, wobei Cruise selbst die Andeutung bereits gerichtlich verfolgen lässt und jeden erbarmungslos klagt. Dabei geht es um riesige Summen, was das Risiko einer solchen Feststellung umschreibt.

Quentin Hubbard, Tom Cruise in einer "1. April-Ausgabe", John Travolta ...
Wobei ich mich jetzt nicht an einer Diskussion über Hollwooods Scheinheiligkeit usw. beteiligen möchte. Für mich persönlich steht fest, dass jeder in der Form leben und glücklich werden soll, die er ausgewählt hat. Punkt. Mich interessiert vielmehr die Frage, wie Scientology damit umgeht – und worauf sich dieses Denken stützt.
In der „Bibel“ der Scientologen, im Buch Dianetik, findet man folgende Feststellung von L. Ron Hubbard – ich hab sie etwas gekürzt und auf den Punktgebracht (den vollständigen Sermon findet man auf den Seiten 101/102 besagten Buches: „Der sexuell Pervertierte (dieser Ausdruck umfasst in der Dianetik, um es kurz zu sagen, jede einzelne Form der Abweichung … wie Homosexualität, lesbische Liebe …) ist tatsächlich physisch ziemlich krank. … Das bedeutet, dass der Pervertierte … aber so weit davon entfernt (ist), normal zu sein, und … für die Gesellschaft so außerordentlich gefährlich (ist), dass die Duldung von Perversion für sie ebenso schlimm ist wie deren Bestrafung.“
An dieser „Feststellung“ orientiert sich Scientology bis heute, was so viel bedeutet, dass jede Form von Homosexualität verpönt ist und geahndet wird: man hatte sich zu „normalisieren“. In der Praxis ist das dann ein ewiger „Eiertanz“ – einerseits die Orientierung der Person und andererseits die Vorgaben von Scientology.
Der Erste, der daran zerbrach, war Quentin Hubbard, Hubbard ältester Sohn aus seiner dritten Ehe, den er als seinen Nachfolger aufbauen wollte. Quentin wollte aber Tänzer werden, absolvierte zwar die komplette „Scientologyausbildung“, um sich schlussendlich umzubringen – am 12. Dezember 1976 leitete er Auspuffgase ins Wageninnere.
Cruise und Travolta gehen anders damit um – der eine wurde zum besten Freund des Sektenführers und der andere versucht „Normalität“ vorzutäuschen, obwohl es jeder weiß.

Tom Cruise wählte überhaupt eine klassische „Vorwärtsstrategie“, heiratete nach Plan zuerst Nicole Kidman und dann Kathie Holmes – und hielt sich nicht an das, was ihm das Magazin “Freaky News” in einer Sonderausgabe zum 1.April vorschlug.
Überliefert ist, dass Miscavige die Hochzeit von Cruise und Holmes nicht nur persönlich überwachte und sondern auch an der anschließenden Hochzeitsreise teilnahm – die dann statt der geplanten zwei nur eine Woche dauerte.

Travolta fährt eher einen Schlingerkurs, der immer wieder von Enthüllungen geprägt ist. Einerseits „ersetzt“ er seinen Sohn Jett ganz scientologisch durch den neu geborenen Benjamin, andererseits liefert er knapp vor dessen Geburt den nächsten Skandal
Aus meiner Sicht ist Travolta dies tragischste Figur im Prominenten-Spiel von Scientology: Er kann seine Orientierung nicht leben, muss sich tagtäglich verbiegen, „bewacht“ von seiner Ehefrau und Mit-Scientologin Kelly Preston – obwohl es ohnehin jeder weiß, der in seinem Umfeld ist. Die US-Schauspielerin Carrie Fisher – u.a. Prinzessin Lea in der Star-Wars-Trilogie – dazu: „Wir haben immer gewusst, dass John Travolta homosexuell ist!“
Und wenn Travolta wieder über den Ausstieg aus Scientology nachdenkt – und das tat er bereits mehrmals – wird von Scientology die „Gay Card“ gezückt und Travolta zum Bleiben „aufgefordert“. In der Realität sieht das dann so aus, dass Scientology über genügend „Aufzeichnungen“ verfügt, um jedermann freundlich dazu auffordern zu können – im Fall Travolta tut sie das, da er zu wichtig für Scientology ist. Und solange Travolta Angst davor hat, seine Homosexualität zu leben, solange funktioniert diese Strategie von Scientology.
Ich würde Travolta wünschen, dass er diesen Schritt setzt – sie stellt einen ersten in Richtung Freiheit dar und kostet nicht einmal etwas! Ich weiß schon, dass es kein Honiglecken ist, sich mit Scientology anzulegen und seine Meinung zu vertreten. Paul Haggis zu „Ehren“ wurde von Scientology im Sommer 2011 eine Sonderausgabe von deren Magazin „Freedom“ herausgebracht, die sich ausschließlich mit Haggis, Wright und dem NEW YORKER befasste. Dabei wurde sogar dessen Titelbild nachempfunden – und entsprechend „modifiziert“.

Der Inhalt? Die üblichen Schauergeschichten von OSA, dem Büro für Spezielle Angelegenheiten, die in keinem Wort auf die Feststellungen von Wright und dem NEW YORKER eingehen und dafür versuchen, den Pulitzerpreisträger Wright jede Befähigung abzusprechen. Ganz nach einer weiteren Vorgabe von L. Ron Hubbard: „Wenn Sie unter Attacke stehen – attackieren Sie selbst! Der Punkt ist, dass Sie auch attackieren, wenn Sie zu wenige Beweise haben, um den Fall zu gewinnen. Attackieren Sie einfach weiter. Lautstark.“
Fotos: NEW YORKER, Bittenandbound, Byliner, FreakyNews, Daily Mail, imdb, Popcrunch, Scientologypublikation