Sowohl im Fortführungsantrag an die Staatsanwaltschaft, als auch schon zuvor im Zivilrechtsstreit, präsentierte Scientology ein „datenforensisches Gutachten“, um derart ihre Klage zu untermauern.
Gemäß Wikipedia werden unter dem Begriff „Forensik“ die wissenschaftlichen Arbeitsgebiete zusammengefasst, in denen kriminelle Handlungen systematisch identifiziert beziehungsweise ausgeschlossen sowie analysiert oder rekonstruiert werden. Der Begriff stammt vom lateinischen forum (Forum, Marktplatz), da Gerichtsverfahren, Untersuchungen, Urteilsverkündungen sowie der Strafvollzug im antiken Rom öffentlich und meist auf dem Marktplatz durchgeführt wurden.
Das Urteil, inwieweit nun das von Scientology präsentierte „datenforensische Gutachten“ unter diese Definition fällt, überlasse ich dem geschätzten Leser – hier ist es …
Und als PDF …
Mir persönlich fiel beim Durchlesen der 34 Seiten einiges auf: 1. Trotz des Volumens stand sehr wenig im Gutachten drinnen. Es gab seitenlange Abhandlungen bzw. Wiedergaben von Webinhalten, die zumeist nur in Mutmaßungen mündeten. Anders ausgedrückt: Jeder, der halbwegs mit bestimmten Internetabläufen vertraut ist, könnte innerhalb kürzester Zeit selbiges „produzieren“.
2. Wer der Gutachter selbst war, blieb mehr oder weniger verborgen. Das Konvolut ist zwar unterschrieben, aber ein ausgeschriebener Name, wie sonst bei Gutachten üblich, findet sich nirgends.
3. Die das Gutachten erstellende Firma Ansiworks Limited scheint in England zu residieren – dabei verfügt die Firma offensichtlich über keinen Festnetzanschluss, was bei Firmen eher ungewöhnlich ist.
4. Ansiworks Limited unterhält dafür eine Filiale in Wolfsberg, die über eine Mobiltelefonnummer erreichbar ist.
Soweit die Ausgangslage …
Es war naheliegend, dass ich mir die englische Firma Ansiworks Limited unter der angegebenen Internetadresse ansehen wollte. Dabei stieß ich auf einen in deutscher Sprache gehaltenen Auftritt einer englischen Firma, die aber gleichzeitig betonte, dass „[ihre] Homepage gerade überarbeitet wird“. Der Hinweis stand schon seit 24. Mai 2012 dort, aber man kennt das ja, wenn man vor lauter Arbeit nicht dazukommt usw. …
Das Impressum der Seite bestätigte mir aber dann, dass ich bei der richtigen Firma gelandet war …
Der nächste Schritt bestand in einer Who-is-Abfrage, da die Seite an sich sehr wenig offenbarte – und hier sollte ich mehr Klarheit bekommen …
Registriert hatte die Seite eine Firma Asap-Soft, administriert wird sie von Roland R., der in Wolfsberg/Kärnten wohnhaft ist. Hier schloss sich vorerst der Kreis, da auch die Mobiltelefonnummer von Roland R. mit jener ident war, die im Scientology-Gutachten angegeben ist.
Die Unterschrift unter dem Gutachten lässt wiederum den Schluss zu, dass sie ein Roland R. getätigt hat.
Ich hatte also jetzt drei Namen: Ansiworks Limited, Asap-Soft und Roland R. – schlauer war ich noch nicht, also recherchierte ich weiter. Zuerst einmal auf der Homepage von Asap-Soft …
Auffallend war das ähnliche Schriftbild im Logo, dass es sich ebenfalls um eine englische Ltd. (Limited) zu handeln schien und die Tatsache, dass auch diese Seite „gerade überarbeitet wird“ – immerhin erst seit 2. August. Wobei: Es stand keine Jahresangabe dabei?
Das Impressum ließ keine weiteren Rückschlüsse zu, es gab nämlich keines …
Die Who-is-Abfrage ergab wie schon bei Ansiworks Limited das gleiche Bild: Asap-Soft wurde von Asap-Soft registriert und wird von Roland R. administriert.
Durch den Hinweis auf der Asap-Soft-Seite, dass es sich bei dieser um eine englischen Limited-Company handelt, ging die Suche in England weiter. Das englische Company System ist sehr transparent und so kann man bequem vom eigenen Computer aus eine Abfrage durchführen, die folgendes zutage brachte …
Die Firma Asap-Soft Ltd. gibt es nicht mehr, sie war aufgelöst worden. Was es aber noch gab, waren die Unterlagen des Unternehmens und diese rundeten das Bild ab …
Und als PDF …
Errichtetet wurde Asap-Soft Ltd. am 14. April 2011 von Roland R., sie residierte an der gleichen Adresse wie der Agent, der sie einrichtete (145-157 St John Street, London, UK, EEC1V 4PW) und gehört der Kategorie der sogenannten “Ein-Pfund-Companies” an, die via Internet leicht eingerichtet und schnell wieder gelöscht sind. Man kann davon ausgehen, dass die Asap-Soft Ltd. ungefähr ein Jahr nach deren Eintragung wieder gelöscht worden ist.
Übrigens genauso wie die Homepage von Asap-Soft, die sich Mitte April 2013 nur mehr so präsentierte …
Zur Firma Ansiworks Limited fand sich ein ähnliches Schriftstück von The Registrar of Companies for England and Wales, das folgendes bescheinigte:
1. Es gibt die Firma.
2. Ein gewisser Robert Anthony McC. ist ihr Director. Wobei man erwähnen muss, dass der 72-jährige McC. neun weiteren Unternehmen als Director dient.
3. Das Unternehmen residiert an der gleichen Adresse wie deren Agent Formationhouse Ltd.: 29 Harley Street, London, England, W1G 9QR.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich dabei ebenfalls um eine “Ein-Pfund-Company” – dafür sollte kein Gutachten nötig sein. Hier die Unterlagen zu Ansiworks Limited …
Und als PDF …
Der Vollständigkeit halber noch die Residenz von Ansiworks Ltd. in London – der Briefkasten ist dabei nirgends zu sehen …
Und dann noch die Homepage von Ansiworks, die seit Mitte April 2013 einen gewissen Veränderungswillen vermuten lässt – zumindest im Ansatz. Wobei: das ursprüngliche Änderungsdatum vom 24. Mai 2012 blieb das gleiche …
Dass sich zu Roland R. noch jede Menge andere Eintragungen im Internet finden, lasse ich außer Acht, da ich nur am Zustandekommen bzw. dem Inhalt des „datenforensischen Gutachtens“ für Scientology im angestrebten Strafverfahren interessiert bin. Und das alleine bietet bereits jede Menge an Absonderlichkeiten – um den Rest müssen sich Gerichte kümmern.
Fazit? Ich denke, es liegt auf der Hand – wobei natürlich bei allem Angesprochenen die Unschuldsvermutung gilt …
Gelinde ausgedrückt besteht aber die größte Frechheit darin, dass Scientology aufgrund eines dubiosen Gutachtens sowie weiterer, genauso dubioser „Beweise“ die Staatsanwaltschaft und damit den Steuerzahler benutzt, um ihren „Ideen“ nachzugehen.
Dass dabei der Zweck so ziemlich jedes „Mittel“ heiligt, ist nichts Neues im Vorgehen von Scientology bzw. OSA, dem Geheimdienst von Scientology.
Wobei es OSA, das Office of Special Affairs, in Österreich ja gar nicht geben soll. Zumindest gab das Angelika Thonauer, eine der beiden OSA-Chefinnen, in einem Interview bekannt – O-Ton am 18. April 2013: „Es gibt OSA in Österreich nicht“. Aber diese „Identitätskrise“ ist eine andere Geschichte, die ich in Kürze erzählen werde …
Fotos: DNA Principal Forensics, Westcoast Filmpartners, Diverse Screenshots (9)










































