Scientology und der Dalai Lama …

Lama Geshe Lodoe (Bildmitte) und die italienische Scientologin Fiorella Cerchiara ...

Im Scientology-Magazin IMPACT (Ausgabe 127, 2011) wurde neben den üblichen “Jubelmeldungen“ ohne besondere Aussagekraft, auch ein 6-seitiger Bericht mit dem Titel Das tibetanische Kinderdorf abgehandelt, der seitens Scientology durchaus als Erfolg gesehen werden kann.

Mit ihrer Tarnorganisation Youth for Human Rights (Jugend für Menschenrechte) war es den Scientologen gelungen, den Dalai Lama für ihre „Zwecke“ einzuspannen.

Die Strategie von Scientology war einfach: 2010 ehrten sie den Lama Geshe Lodoe mit einer Menschrechts-Heldenauszeichnung, der wiederum im Gegenzug die Scientologen nach Dharamshala einlud. Diese nahmen die Einladung natürlich liebend gerne an – und verteilten vor Ort ihre Broschüren. Dass der Dalai Lama dabei auch anwesend war, ließ sich fototechnisch wunderbar festhalten und den eigenen Mitgliedern als „Beweis“ ihrer Anerkennung verkaufen.

Lama Geshe Lodoe überreichte danach in Mailand seinerseits den Scientologen eine Auszeichnung für L. Ron Hubbard – Text: „Es ist mir eine Ehre, mich bei L. Ron Hubbard bedanken zu dürfen, einem großen Menschenfreund, der eine internationale Bewegung für Menschenrechte inspiriert hat. Wir haben uns gemeinsam auf einen Pfad begeben, der dazu beitragen wird, für Tausende tibetanischer Kinder eine bessere Zukunft zu schaffen.“

Hier der komplette IMPACT-Artikel …



Und nochmals die Seiten einzeln …

Und als PDF

Was bewog die Lamas nun dazu, sich als PR-Instrumente für Scientology herzugeben?

Abschließend kann man das nicht sagen, aber die Vergangenheit zeigt, dass sowohl der Dalai Lama selbst, als auch sein Umfeld, wenig bis keine Berührungsängste haben.

Der Dalai Lama und Shoko Asahara …

In der zweiten Hälfte der 80er-Jahre traf der Dalai Lama mehrmals Shoko Asahara, „Guru“ der AUM-Sekte in Japan, der mit diesem Umstand warb und 1989 sogar eine ausdrückliche Empfehlung seiner Heiligkeit vorlegen konnte, die dieser am 26. Mai 1989 verfasste: „An diejenigen, die es angeht: AUM strebt nach meiner Kenntnis an, das öffentliche Bewusstsein durch religiöse und soziale Aktivitäten zu fördern. Neben dem Angebot intensiver Meditation praktizieren die AUM-Mitglieder auch die Tradition des Mahayana-Buddhismus. AUM hat großzügige Spenden für unsere buddhistische Exil-Gemeinschaft bereitgestellt, insbesondere für Mönch-Studenten, die kürzlich aus Tibet hier eingetroffen sind. Die Spenden waren sehr nützlich und werden von uns sehr geschätzt.”

Bereits am 25. Mai 1989 verfasste der Rat für religiöse Angelegenheiten seiner Heiligkeit des Dalai Lama folgendes Schreiben: „An denjenigen, den es angeht – AUM Shinri-Kyo ist eine östliche religiöse Organisation in Japan, die unter der geistlichen Führerschaft von Meister Shoko Asahara steht und arbeitet und aus über 6000 Mitgliedern und zwölf Zweigorganisationen innerhalb und außerhalb Japans besteht.
Meister Asahara ist ein kompetenter religiöser Lehrer und Yoga-Lehrer und ein erfahrener Meditationsausübender.
AUM strebt nach unserem besten Wissen an, die öffentliche Wohlfahrt zu fördern durch verschiedene religiöse und soziale Aktivitäten; z.B. durch Unterricht über die buddhistischen Lehren und über Yoga, durch die Organisierung von Seminaren und durch das Angebot von Anleitung in fortgeschrittener Meditation sowie ethischen Übungen. Vor allem beabsichtigt AUM, die wertvollen lebenden Traditionen des Mahayana Buddhismus zu erwerben um die wahre Lehre des Dharma in Japan wiederherzustellen und weiterzugeben.
Als grundlegende buddhistische Praxis hat AUM großzügige Spenden für unsere buddhistischen Gemeinschaften im Exil gemacht. Wir sind sehr dankbar für die freundliche Unterstützung für unsere Kultur und unsere bedürftigen Gemeinschaften.
Angesichts seiner schätzenswerten Ziele und Aktivitäten ist es unbedingt zu empfehlen, dass AUM Shinri-kyo ihr wohlverdienter steuerbefreiter Status und die gebührende Anerkennung durch die japanische Regierung gewährt wird.
Alle nötige Unterstützung und Zusammenarbeit der beteiligten Behörden in dieser Angelegenheit wird von uns hoch geschätzt werden.”

Shoko Asahara nach seiner Verhaftung

Shoko Asaharas AUM-Sekte führte, nun mit staatlicher Anerkennung, im Zuge ihrer „Religionsausübung“ 6 Jahre später einen Giftgasanschlag auf die Tokioter U-Bahn durch, bei dem 12 Menschen starben und über 1000 verletzt wurden, 37 davon schwer.

Weitere Informationen

Fotos: Scientologypublikationen (11), WN, Berliner Dialog

Ein Aspekt der Manipulation …

Bei der Vorbereitung meines heutigen Vortrags habe ich mich u.a. mit folgender Fragestellung, die bei jedem meiner Vorträge gegeben ist, auseinandergesetzt: “Wie ist es möglich, dass ein halbwegs intelligenter Mensch 28 Jahre lang bei den Scientologen sein kann und ihm dabei nicht auffällt, was für eine ‘Haufen’ das ist?”

Die Frage wird zwar nur ganz selten direkt gestellt – wahrscheinlich, um mich nicht zu beleidigen ;-) -, aber sie schwebt unausgesprochen im Raum.

Dabei ist die Beantwortung dieser Frage ist nicht ganz einfach. Es gibt eine Menge an Ansatzpunkten, die größtenteils subjektiver Natur sind und zumeist mit der individuellen Biografie des Einzelnen zu tun haben – sozusagen dessen Präposition, dessen „Anfälligkeit“ im Hinblick auf die eine oder andere Sekte.

Aber darauf möchte ich jetzt nicht weiter eingehen, sondern auf einen anderen Aspekt, der nicht unwesentlich ist, wenn es darum geht, dass jemand jahrelang in einem falschen System lebt – ohne dass es ihm auffällt.

Wenn man so will, erzähle ich jetzt dazu eine kleine Geschichte aus meinem Leben und ziehe einen für mich gültigen Schluss daraus.

Der Dalai Lama am 26. Mai 2012 in Wien ...

Jeder von Ihnen kennt den Dalai Lama, um genau zu sein: seine vierzehnte Inkarnation, Tenzin Gyatso. In Umfragen wird ihm immer wieder bescheinigt, dass er die spirituellste Persönlichkeit der Gegenwart ist – zumindest im deutschsprachigen Raum. Ich habe zwar keinen „Free Tibet“-Aufkleber am Auto – ich habe keines -, war aber u.a. schon vor der chinesischen Botschaft demonstrieren und hab mir begeistert sowohl den Scorcese-Film Kundun, als auch 7 Jahre in Tibet mit Brad Pitt angesehen und sah mich durchaus als einer, für den der Dalai Lama eine Leitfigur darstellt.

Der Dalai Lama stand für mich seit längerem mehr oder weniger außer Frage – kleine „Nebendetails“, wie dessen Freundschaft mit dem Nazi Heinrich Harrer konnten mich nicht irritieren. „Tibet den Tibetern“ war aus meiner Sicht eine legitime Forderung an China, das dieses spirituelle Volk gnadenlos unterdrückt und dessen geistige Führung ins Exil zwang.

Und dann gab es da einen Vortrag von Colin Goldner an der Wiener Uni, der mein Bild, das sich jahrelang gehalten hatte, empfindlich „störte“. Er beschrieb einen Gottkaiser, der seine rd. 3 Millionen Untertanen u.a. mithilfe der Auslegung des Karmas („Folgst du den Lamas, ist es gut, begehrst du auf, geht’s dir dreckig im nächsten Leben!“) noch Mitte des 20. Jahrhunderts in einer mittelalterlichen Theokratie gefangen hielt, wo es nur den Adel und Priester auf der einen Seite und Leibeigene auf der anderen Seite gab, deren durchschnittliche Lebenserwartung 35 Jahre betrug.

Kleiner Gag am Rande: Die Lehre des Gelbhaubenordens (Gelug-Schule), deren Chef der Dalai Lama ist, stellt Missliebigen alle möglichen negativen Inkarnationen für das nächste Leben „in Aussicht“ – begonnen bei irgendwelchen Tieren können sie sozusagen als Höchststrafe als Frau wiedergeboren werden.

Langer Rede, kurzer Sinn: Hier der Vortrag – wenn Sie Lust auf eine andere Sicht der Dinge haben, sollten Sie ihn sich ansehen …

Für mich war der Sympathieträger Dalai Lama danach von seinem Podest gestürzt – auf das ich ihn gestellt hatte!

Der Dalai Lama hat nichts verkehrt gemacht – er ist so wie er ist und glaubt das natürlich auch. Ihm gehen zweifellos seine Leibeigenen ab, die nicht für ihn malochen usw.

Mich interessierte nach diesem Vortrag vielmehr mein „Standpunkt“ – dass ich so ohne weiteres seine Geschichte übernommen hatte und im weitesten Sinne des Wortes zum Leibeigenen des Dalai Lamas mutierte?

Und: Kann man nicht merken, dass man manipuliert wird?

Ich kenne jede Menge an Beispielen, wo diese Manipulationsmechanismen aufgezeigt werden – u.a. das Milgram-Experiment, das Stanford-Prison-Experiment und Die Welle (The Third Wave). Und ich habe in den letzten Jahren eine ganze Menge an einschlägiger Literatur gelesen.

Hat mich dieses Wissen davor bewahrt, etwas „falsch“ zu sehen?

Nein.

Keine Angst, ich wechsle jetzt nicht unhinterfragt ins Lager von Colin Goldner über – das wäre reines Schwarz-Weiß-Denken. Ganz im Gegenteil hat mich Goldner wieder daran erinnert, dass einer der wesentlichsten Aspekte des Lebens darin besteht, die Dinge zu hinterfragen.

Alle – ohne Ausnahme.

Und der nächste Schritt – sofern man eine eigene Meinung dazu vertreten möchte -, besteht darin, die Fakten zu suchen, sie auszuwerten und dann vielleicht auch nur sagen zu können, dass die und die Dinge dafür sprechen, dieses für jenes und das wiederum dafür. Fazit: nicht ganz klar, nur drei Möglichkeiten.

Gar nicht so leicht auszuhalten, dann vielleicht keine eindeutige Position einnehmen zu können … ;-)

Beim Dalai Lama, aber auch bei allen anderen dogmatischen Dingen im Leben, geht es um Autorität samt den damit verbundenen Dogmen. Und wenn dann auch noch Religion im weitesten Sinne des Wortes dabei ist, kommt noch ein ziemlich großer Schuss Voodoo-Hexen-Zauber dazu.

Was bei den Scientologen die Xenu-Körperthetan-Story ist, ist beim Dalai Lama u.a. dessen Karmaangebot samt einer Unzahl von Höllen, wenn man nicht pariert.

Beide „verkaufen“ den ultimativen „Ablass“ und geben kraft ihrer jeweiligen Autorität die Richtung vor – Autorität, die sie oft erst von jemandem anderen „verliehen“ bekamen, der sich seinerseits etwas versprach. Gilt übrigens auch für alle anderen Sekten und Religionen.

Und dann waren plötzlich 28 Jahre bei Scientology um. Den Dalai Lama hatte ich auch schon 20 Jahre auf meiner „Karte“.

Und die Moral von der Geschicht‘?

Besser einmal zu viel (hinter)fragen, als einmal zu wenig – ich werde jetzt auf jeden Fall alle verfügbaren Fakten und Daten zum Dalai Lama zusammentragen, um mir danach vielleicht ein Bild machen zu können, das der Wirklichkeit entspricht!

Und noch ein kleiner “Gag” zum Schluss: Die Scientologen, vor allem durch ihre Volunteer Minister („Ehrenamtliche Geistliche“), sind schon knapp dran am Dalai Lama – Dokumente folgen …

Foto: Wikipedia